Sonntag, 20. Oktober 2019

Fluch und Segen - die Anfänge

Gekämpft gegen Windmühlen. Mir den Kopf eingerannt. Hingefallen und immer wieder aufgestanden. Neuanfänge. Krisen. Aufgeben wollen. Neue Wege gefunden. Achterbahn.

Den leichtesten Weg nahm ich dabei selten. Ging gar nicht. Denn die Vernunft ist und war in meinem Leben immer nur zweitrangig. In meinem Leben regiert das Bauchgefühl – eine Alleinherrschaft, wenn man so will. In den Anfangszeiten, damals als ich mich als Uschi begann wahrzunehmen und meinen Platz im Leben finden musste, wusste ich noch nicht viel über mich selbst. Was ich wusste, war, ich fühlte viel, viel zu viel, und ich fühlte anders als alle anderen.
Wohl einer der Hauptgründe, warum ich so intensiv nach Antworten suchte. Ich musste mich in einer Welt wiederfinden, in der ich selten Menschen begegnete, die so fühlten und dachten wie ich. Ich musste mich intensiv mit mir auseinandersetzen, weil ich mich, mein Handeln, mein Denken und meine Empfindungen stets hinterfragen musste:

Warum bin ich denn so anders, als die anderen?
Was stimmt denn nicht mit mir?
Was mache ich denn falsch?
Warum fühle ich nicht wie Andere?
Warum ist mein Leben so kompliziert?

Erstmal war ich ein glückliches Kind. Glücklich, weil als Kleinkind das Anderssein nur Vorteile mit sich brachte. Den ganzen Tag durfte ich bei meiner Mama sein und meine Mama gehörte ganz alleine mir. Nicht, dass ich ein Einzelkind war. Doch als Kleinkind gab es den Begriff Schwester und Bruder für mich nur in der Theorie. Der enorme Altersunterschied zu meinen Geschwistern erschuf mir quasi diese Sonderstellung.
Doch das wusste ich als Kleinkind erst einmal nicht.
Ich war ein Kind der Achtziger, das wohlbehütet in einer kleinen Gemeinde, hauptsächlich draußen, in der Natur aufwuchs. Morgens, Papa war bereits zur Arbeit gefahren, machten sich meine Mama und ich oft auf den Weg in den nahe gelegenen Weingarten. Wir gingen gemeinsam durch den Wald, Mama eine Schubkarre mit einem großen Weidenkorb schiebend, ich, – in meinen geflickten Alltagsklamotten und festen Schuhen – über Steine und Baumwurzeln balancierend, auf die Geräusche im Wald horchend, stets auf der Suche nach einem Eichhörnchen oder vielleicht sogar nach einem Reh. Während Mama später im Gemüsegarten arbeitete, erschuf ich mir meine eigene Welt in der Natur.
Dieses Bild habe ich vor Augen, wenn ich heute an meine Zeit als Kleinkind zurückdenke. In dem Bild erscheinen auch noch „Tanten“ und „Omas und Opas“ aus der Nachbarschaft, bei denen ich ein und aus ging, die mir Geschichten erzählten, während sie Fisolen und Karotten putzten oder Holz hackten, denen ich über die Schulter guckte und ab und zu mithelfen durfte.
Ich lebte in einer Welt der Erwachsenen, war meist das einzigste Kleinkind im Freundeskreis meiner Eltern. Andere Kinder gab es nur temporär. Da waren die Nachbarsmädchen, ein wenig älter als ich, und da waren meine Nichte und mein Neffe, ein wenig jünger als ich.
Mein Papa kam am späten Nachmittag von der Arbeit nach Hause, es gab ein gemeinsames Mittagessen, danach musste ich ganz still sein, weil Papa ein kurzes Nickerchen auf der Küchenbank machte, bevor er seine Arbeitskleidung anzog und in den Weingarten fuhr. Abends saßen wir gemeinsam vor dem Fernseher. Die Wochenenden waren die schönsten Tage der Woche. Da ging es mit Mama und Papa und mit einer Gruppe anderer Erwachsener meist in die Natur zum Wandern.
Doch die absolut glücklichste Zeit meiner Kindheit war stets die Woche Urlaub in den Bergen Tirols. Mama, Papa und ich fuhren gemeinsam mit einer Gruppe Verwandte und Bekannte zu einem Bergbauernhof mit vielen Kindern, Haflingerpferden und Kühen an den absolut schönsten Ort der Welt! Im Winter zum Schi fahren und im Sommer zum Wandern. Ich wurde, so wie sonst auch, von den Erwachsenen umsorgt und verhätschelt. Ich hatte in dieser Welt der Erwachsenen eine Sonderstellung. Jeder passte auf mich auf. Teilen musste ich mir diese Aufmerksam mit keinem anderen Kind, da ich das einzigste Kind im direkten Umfeld meiner Eltern war.

Aus dieser Seifenblase einer perfekten Kindheit wurde ich erst gerissen, als meine Mama krank wurde. Die Krankheit kam schleichend, ich nahm sie als Kind gar nicht wirklich wahr. Es ist halt so, dass die Mama mal etwas vergisst oder weint, weil sie nicht weiß, ob sie heute schon einkaufen war. Es ist halt so, dass Mama plötzlich im Urlaub nicht mehr alleine auf die Toilette findet und Papa sie bringen muss.
Auch, dass sich dadurch mein eigenes Leben radikal ändern sollte, nahm ich so nicht wahr.
Statt meiner Mama fingen plötzlich meine erwachsenen Schwestern an, sich um mich zu kümmern. Das passierte allerdings nur in kleinen Einheiten und auf das Notwendigste beschränkt. Erziehung musste sein, für Zuneigung war keine Zeit. Meistens musste ich mich um mich selbst kümmern. Ich musste mich alleine für die Schule fertig machen und selbst darauf achten, alle Hausaufgaben erledigt zu haben. Mein Papa war in der Arbeit und danach mit meiner kranken Mama beschäftigt, meine Schwestern hatten selbst eine Familie und Kinder, um die sie sich kümmern mussten.
Hinterfragt habe ich diesen traumatischen Richtungswechsel als Kind nicht. Wie auch? Ich kannte nur diese eine Kindheit für mich selbst. Auch wenn ich die „gesunden“ Familien meiner Freunde miterlebte und bestimmt oft traurig und wohl auch ein wenig neidisch auf das „normale“ Leben meiner Freundinnen war.
Die Krankheit meiner Mutter bescherte mir einen weiteren Ausnahmezustand. Mein Leben unterschied sich vom Leben meiner Freunde, meiner Mitschüler. Ich musste meinen eigenen Weg finden, musste ohne Vorlage mein Leben meistern. Es war damals also auch noch normal, dass ich anders war, als andere.

Erst im Rückblick und vor allem auch deswegen, weil ich später als Erwachsener darauf mehrfach hingewiesen wurde, erkannte ich, wie traumatisch diese Zeit für mich gewesen sein musste.
Ich sah mich nicht als Opfer. Ich sah mich nicht als benachteiligt. Ich kannte nur dieses eine Leben. Lange war ich sogar der Meinung, dass mich diese Zeit unheimlich stark werden ließ und ich deshalb so schnell unabhängig und selbstständig wurde, weil ich das eben werden musste. Ich hatte keine andere Wahl. Mir wurden keine anderen Möglichkeiten geboten. Ich fühlte mich freier als andere Kinder, weil ich nicht ständig kontrolliert wurde. Ich übernahm Verantwortung für mich. Musste Verantwortung für mich übernehmen. Ich durfte mich ohne Einflüsse von außen entfalten. Musste mich eigenständig entfalten. Ich wurde so gut wie nicht beeinflusst in meiner Lebensfindung.
Die Misere, mit einer kranken, hilflosen Mutter zu leben, einem Vater, der in der Pflege der Mutter aufging, und das eigene Leben, dass man als Kind und später als Teenager alleine zu meistern hatte, war mir damals – zum Glück – nicht so richtig bewusst.

Zu hinterfragen begann ich mein Anders Sein erst, als ich auf dem Weg zum Erwachsenen war. Erst zu jenem Zeitpunkt, als ich nicht alles meiner Erziehung oder meiner Familienkonstellation zuschreiben konnte, sondern mich als eigenständiger Mensch zu fühlen begann, wurde mir so richtig bewusst, dass ich viel intensiver und schräger empfand, als Menschen in meinem Umfeld.
Ich hatte Sorgen, die andere nicht hatten. Kränkte mich über Begebenheiten, über die sich andere nicht kränkten. War eingeschnappt und beleidigt, wo andere absolut nicht wussten, womit sie mich denn beleidigt hätten. Vieles wurde von anderen als Kleinigkeit bezeichnet, was für mich aber eine Lawine war.
In dieser Zeit wäre ich untergegangen, hätte ich nicht meinen eigenen Weg gesucht und ihn wie eine Löwin verteidigt. Mein größter Segen war in dieser Zeit, dass ich mich mit meinem Inneren auseinandersetzte und immer versuchte, mich selbst zu verstehen.
Die vielen Fragezeichen in meinem Kopf waren nervig, aber lebensnotwendig. Ich musste in mich selbst hineinhorchen, ich musste mich selbst so gut wie möglich kennen, um mein Leben meistern zu können. Ich hatte keinen Rückhalt, ich hatte niemanden, der mich in dieser Zeit unterstützt hätte. Ich war auf mich alleine gestellt. Ich musste mir selbst helfen.

Seit dieser Zeit, in der mir bewusst wurde, dass ich anders fühle, als andere, sind meine Gefühle mein stärkster Verbündeter. Vielleicht war es eine Art Selbstschutz, mein Leben nicht rational zu bewältigen. Hätte ich meine Lebenssituation damals rational betrachtet, hätte ich die vielen Traumen verarbeiten müssen. Etwas, woran ich als naiver, sensibler Teenager zerbrochen wäre.
Und dabei sollten die „richtigen“ Traumen erst noch kommen …

Mein Leben wäre angenehmer verlaufen, wäre meine Mutter nicht krank geworden. Keine Frage. Mein Leben wäre angenehmer verlaufen, wäre ich in eine Familie hineingeboren worden, die Zuneigung offen zeigen und über Sorgen und Probleme miteinander sprechen kann. Ich wäre ein völlig anderer Mensch geworden, wenn ich in meinem Anderssein gefördert und unterstützt worden wäre, anstatt ausgelacht und missverstanden. Ich wäre ein völlig anderer Mensch geworden, hätte man mich für mein Anderssein gelobt und geliebt. 
Dennoch, und von dieser Überzeugung lasse ich mich nicht abbringen, war mein größter Fluch auch mein größter Segen.

Die Notwendigkeit, alleine mit dem Leben fertig zu werden, brachte mich an den Punkt, alleine mit dem Leben fertig zu werden! 

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