Gekämpft
gegen Windmühlen. Mir den Kopf eingerannt. Hingefallen und immer wieder
aufgestanden. Neuanfänge. Krisen. Aufgeben wollen. Neue Wege gefunden.
Achterbahn.
Den
leichtesten Weg nahm ich dabei selten. Ging gar nicht. Denn die Vernunft ist
und war in meinem Leben immer nur zweitrangig. In meinem Leben regiert das
Bauchgefühl – eine Alleinherrschaft, wenn man so will. In den Anfangszeiten,
damals als ich mich als Uschi begann wahrzunehmen und meinen Platz im Leben
finden musste, wusste ich noch nicht viel über mich selbst. Was ich wusste,
war, ich fühlte viel, viel zu viel, und ich fühlte anders als alle anderen.
Wohl einer
der Hauptgründe, warum ich so intensiv nach Antworten suchte. Ich musste mich
in einer Welt wiederfinden, in der ich selten Menschen begegnete, die so
fühlten und dachten wie ich. Ich musste mich intensiv mit mir
auseinandersetzen, weil ich mich, mein Handeln, mein Denken und meine
Empfindungen stets hinterfragen musste:
Warum bin
ich denn so anders, als die anderen?
Was stimmt denn
nicht mit mir?
Was mache
ich denn falsch?
Warum fühle
ich nicht wie Andere?
Warum ist
mein Leben so kompliziert?
Erstmal war
ich ein glückliches Kind. Glücklich, weil als Kleinkind das Anderssein nur
Vorteile mit sich brachte. Den ganzen Tag durfte ich bei meiner Mama sein und
meine Mama gehörte ganz alleine mir. Nicht, dass ich ein Einzelkind war. Doch
als Kleinkind gab es den Begriff Schwester und Bruder für mich nur in der
Theorie. Der enorme Altersunterschied zu meinen Geschwistern erschuf mir quasi
diese Sonderstellung.
Doch das
wusste ich als Kleinkind erst einmal nicht.
Ich war ein
Kind der Achtziger, das wohlbehütet in einer kleinen Gemeinde, hauptsächlich draußen,
in der Natur aufwuchs. Morgens, Papa war bereits zur Arbeit gefahren, machten
sich meine Mama und ich oft auf den Weg in den nahe gelegenen Weingarten. Wir
gingen gemeinsam durch den Wald, Mama eine Schubkarre mit einem großen
Weidenkorb schiebend, ich, – in meinen geflickten Alltagsklamotten und festen
Schuhen – über Steine und Baumwurzeln balancierend, auf die Geräusche im Wald horchend, stets auf der Suche nach einem Eichhörnchen oder vielleicht
sogar nach einem Reh. Während Mama später im Gemüsegarten arbeitete, erschuf
ich mir meine eigene Welt in der Natur.
Dieses Bild
habe ich vor Augen, wenn ich heute an meine Zeit als Kleinkind zurückdenke. In
dem Bild erscheinen auch noch „Tanten“ und „Omas und Opas“ aus der
Nachbarschaft, bei denen ich ein und aus ging, die mir Geschichten erzählten,
während sie Fisolen und Karotten putzten oder Holz hackten, denen ich über die
Schulter guckte und ab und zu mithelfen durfte.
Ich lebte in
einer Welt der Erwachsenen, war meist das einzigste Kleinkind im Freundeskreis
meiner Eltern. Andere Kinder gab es nur temporär. Da waren die Nachbarsmädchen,
ein wenig älter als ich, und da waren meine Nichte und mein Neffe, ein wenig
jünger als ich.
Mein Papa
kam am späten Nachmittag von der Arbeit nach Hause, es gab ein gemeinsames
Mittagessen, danach musste ich ganz still sein, weil Papa ein kurzes Nickerchen
auf der Küchenbank machte, bevor er seine Arbeitskleidung anzog und in den
Weingarten fuhr. Abends saßen wir gemeinsam vor dem Fernseher. Die Wochenenden
waren die schönsten Tage der Woche. Da ging es mit Mama und Papa und mit einer
Gruppe anderer Erwachsener meist in die Natur zum Wandern.
Doch die
absolut glücklichste Zeit meiner Kindheit war stets die Woche Urlaub in den
Bergen Tirols. Mama, Papa und ich fuhren gemeinsam mit einer Gruppe Verwandte
und Bekannte zu einem Bergbauernhof mit vielen Kindern, Haflingerpferden und
Kühen an den absolut schönsten Ort der Welt! Im Winter zum Schi fahren und im
Sommer zum Wandern. Ich wurde, so wie sonst auch, von den Erwachsenen umsorgt
und verhätschelt. Ich hatte in dieser Welt der Erwachsenen eine Sonderstellung.
Jeder passte auf mich auf. Teilen musste ich mir diese Aufmerksam mit keinem
anderen Kind, da ich das einzigste Kind im direkten Umfeld meiner Eltern war.
Aus dieser
Seifenblase einer perfekten Kindheit wurde ich erst gerissen, als meine Mama krank
wurde. Die Krankheit kam schleichend, ich nahm sie als Kind gar nicht wirklich
wahr. Es ist halt so, dass die Mama mal etwas vergisst oder weint, weil sie
nicht weiß, ob sie heute schon einkaufen war. Es ist halt so, dass Mama
plötzlich im Urlaub nicht mehr alleine auf die Toilette findet und Papa sie
bringen muss.
Auch, dass
sich dadurch mein eigenes Leben radikal ändern sollte, nahm ich so nicht wahr.
Statt meiner
Mama fingen plötzlich meine erwachsenen Schwestern an, sich um mich zu kümmern.
Das passierte allerdings nur in kleinen Einheiten und auf das Notwendigste
beschränkt. Erziehung musste sein, für Zuneigung war keine Zeit. Meistens
musste ich mich um mich selbst kümmern. Ich musste mich alleine für die Schule
fertig machen und selbst darauf achten, alle Hausaufgaben erledigt zu haben.
Mein Papa war in der Arbeit und danach mit meiner kranken Mama beschäftigt,
meine Schwestern hatten selbst eine Familie und Kinder, um die sie sich kümmern
mussten.
Hinterfragt
habe ich diesen traumatischen Richtungswechsel als Kind nicht. Wie auch? Ich
kannte nur diese eine Kindheit für mich selbst. Auch wenn ich die „gesunden“
Familien meiner Freunde miterlebte und bestimmt oft traurig und wohl auch ein
wenig neidisch auf das „normale“ Leben meiner Freundinnen war.
Die
Krankheit meiner Mutter bescherte mir einen weiteren Ausnahmezustand. Mein
Leben unterschied sich vom Leben meiner Freunde, meiner Mitschüler. Ich musste
meinen eigenen Weg finden, musste ohne Vorlage mein Leben meistern. Es war
damals also auch noch normal, dass ich anders war, als andere.
Erst im
Rückblick und vor allem auch deswegen, weil ich später als Erwachsener darauf
mehrfach hingewiesen wurde, erkannte ich, wie traumatisch diese Zeit für mich
gewesen sein musste.
Ich sah mich
nicht als Opfer. Ich sah mich nicht als benachteiligt. Ich kannte nur dieses
eine Leben. Lange war ich sogar der Meinung, dass mich diese Zeit unheimlich
stark werden ließ und ich deshalb so schnell unabhängig und selbstständig
wurde, weil ich das eben werden musste. Ich hatte keine andere Wahl. Mir wurden
keine anderen Möglichkeiten geboten. Ich fühlte mich freier als andere Kinder,
weil ich nicht ständig kontrolliert wurde. Ich übernahm Verantwortung für mich.
Musste Verantwortung für mich übernehmen. Ich durfte mich ohne Einflüsse von
außen entfalten. Musste mich eigenständig entfalten. Ich wurde so gut wie nicht
beeinflusst in meiner Lebensfindung.
Die Misere,
mit einer kranken, hilflosen Mutter zu leben, einem Vater, der in der Pflege
der Mutter aufging, und das eigene Leben, dass man als Kind und später als
Teenager alleine zu meistern hatte, war mir damals – zum Glück – nicht so
richtig bewusst.
Zu
hinterfragen begann ich mein Anders Sein erst, als ich auf dem Weg zum Erwachsenen
war. Erst zu jenem Zeitpunkt, als ich nicht alles meiner Erziehung oder meiner
Familienkonstellation zuschreiben konnte, sondern mich als eigenständiger
Mensch zu fühlen begann, wurde mir so richtig bewusst, dass ich viel intensiver
und schräger empfand, als Menschen in meinem Umfeld.
Ich hatte
Sorgen, die andere nicht hatten. Kränkte mich über Begebenheiten, über die sich
andere nicht kränkten. War eingeschnappt und beleidigt, wo andere absolut nicht
wussten, womit sie mich denn beleidigt hätten. Vieles wurde von anderen als
Kleinigkeit bezeichnet, was für mich aber eine Lawine war.
In dieser
Zeit wäre ich untergegangen, hätte ich nicht meinen eigenen Weg gesucht und ihn
wie eine Löwin verteidigt. Mein größter Segen war in dieser Zeit, dass ich mich
mit meinem Inneren auseinandersetzte und immer versuchte, mich selbst zu
verstehen.
Die vielen
Fragezeichen in meinem Kopf waren nervig, aber lebensnotwendig. Ich musste in
mich selbst hineinhorchen, ich musste mich selbst so gut wie möglich kennen, um
mein Leben meistern zu können. Ich hatte keinen Rückhalt, ich hatte niemanden,
der mich in dieser Zeit unterstützt hätte. Ich war auf mich alleine gestellt. Ich
musste mir selbst helfen.
Seit dieser
Zeit, in der mir bewusst wurde, dass ich anders fühle, als andere, sind meine
Gefühle mein stärkster Verbündeter. Vielleicht war es eine Art Selbstschutz,
mein Leben nicht rational zu bewältigen. Hätte ich meine Lebenssituation damals
rational betrachtet, hätte ich die vielen Traumen verarbeiten müssen. Etwas,
woran ich als naiver, sensibler Teenager zerbrochen wäre.
Und dabei
sollten die „richtigen“ Traumen erst noch kommen …
Mein Leben
wäre angenehmer verlaufen, wäre meine Mutter nicht krank geworden. Keine Frage.
Mein Leben wäre angenehmer verlaufen, wäre ich in eine Familie hineingeboren
worden, die Zuneigung offen zeigen und über Sorgen und Probleme miteinander
sprechen kann. Ich wäre ein völlig anderer Mensch geworden, wenn ich in meinem
Anderssein gefördert und unterstützt worden wäre, anstatt ausgelacht und
missverstanden. Ich wäre ein völlig anderer Mensch geworden, hätte man mich für
mein Anderssein gelobt und geliebt.
Dennoch, und
von dieser Überzeugung lasse ich mich nicht abbringen, war mein größter Fluch
auch mein größter Segen.
Die
Notwendigkeit, alleine mit dem Leben fertig zu werden, brachte mich an den
Punkt, alleine mit dem Leben fertig zu werden!
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